Zielstrebigkeit und Einfallreichtum zahlen sich aus

01.03.2019
Unsere Mitarbeiter

Chronische Krankheiten beeinträchtigen Patienten oft nicht nur durch ihre physiologischen Auswirkungen. Auch die Behandlung der Krankheiten selbst kann eine längere Abwesenheit vom Arbeitsplatz erforderlich machen oder sich negativ auf die Lebensqualität der Patienten auswirken. Ein Beispiel hierfür ist die Behandlung der Hämophilie A, die regelmäßige intravenöse Injektionen vorsieht. Dank der Zielstrebigkeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den Octapharma-Forschungszentren für Biopharmazeutika in Berlin und Heidelberg (Deutschland) zeichnet sich hier jetzt ein Durchbruch ab. Im Falle eines Erfolgs könnte diese kräftezehrende chronische Krankheit künftig sehr viel angenehmer subkutan mit einem FVIII-Produkt behandelt werden.

Bereits 2014 starteten Christoph Kannicht und Barbara Solecka-Witulska gemeinsam mit ihrem Team den Versuch, eine innovative und ,,einfachere“ Behandlung zu entwickeln. Barbara Solecka-Witulska, leitende Wissenschaftlerin Molekulare Biochemie, sagt dazu: ,,Aktuell behandelt man die Patienten, indem man ihnen den rekombinanten Faktor VIII intravenös injiziert. Aber gerade bei Neugeborenen findet sich häufig nur schwer eine Vene, sodass diese Form der Behandlung durchaus eine Herausforderung darstellt. Hier wäre eine Behandlung mit subkutanen Injektionen eindeutig von großem Vorteil.“

Eine Behandlung zu entwickeln, die auf subkutanen Injektionen basiert, ist allerdings bei Weitem schwieriger, als es klingt. Hämophilie A ist zwar eine umfassend erforschte Erbkrankheit, die durch Anomalien in nur einem einzigen Gen ausgelöst wird, aber die Krankheit ist äußerst schwierig zu behandeln. Eckpfeiler jeder Therapie ist deshalb nach wie vor die intravenöse Verabreichung von rekombinantem Faktor VIII.

Christoph und sein Team lieben Herausforderungen
Die Suche beginnt

Als Octapharma die SubQ-8-Studie startete, gab es kein einziges Produkt auf dem Markt, das eine subkutane Verabreichung von FVIII ermöglichte. Aber Christoph Kannicht und sein Team lieben Herausforderungen. ,,Wir wussten, dass Faktor VIII, wenn er subkutan und ohne Schutz injiziert wird, nicht in den Blutkreislauf gelangt. Unser Ziel war es daher, ein Fragment des Von-Willebrand-Faktors (VWF) mit genau definierter Affinität zu FVIII zu finden und dieses dann gewissermaßen als Schutz- und Transportprotein zu verwenden“, erläutert Kannicht.

Faktor VIII und Von-Willebrand-Faktor sind zwei eigenständige, aber verwandte Glykoproteine, die als eng verwobener Komplex im Plasma zirkulieren. Eine zu geringe Konzentration, die fehlerhafte Ausbildung oder das vollständige Fehlen dieser beiden Gerinnungsfaktoren sind für die häufigsten angeborenen Blutgerinnungsstörungen verantwortlich – die Hämophilie A und das Von-Willebrand-Syndrom (VWS). Fügt man nun Faktor VIII einen speziellen Teil des Von-Willebrand-Faktors hinzu, so trägt der dabei entstehende Proteinkomplex FVIII sicher und mit hoher Bioverfügbarkeit in den Blutkreislauf.

Bis dieses Ziel erreicht war, musste das Team zahlreiche Fragmente des Von-Willebrand-Faktors herstellen und analysieren. ,,Uns war klar, dass wir nicht einfach den gesamten Von-Willebrand-Faktor nehmen konnten“, sagt Tobias Stuwe, Leiter Rekombinante Forschung in Heidelberg. Ein Proteinkomplex aus VWF-Multimeren und FVIII würde vermutlich im Bindegewebe festgehalten und nicht in den Blutkreislauf gelangen. ,,Die Herausforderung bestand darin, das richtige VWF-Fragment mit der richtigen Größe zu finden. Dabei stellte sich die Frage, was besser ist – ein monomeres oder ein dimeres VWF-Fragment“, so Stuwe weiter.

Nach und nach kristallisierte sich ein dimeres Molekül mit der Bezeichnung OCTA12 als vielsprechender Kandidat heraus. Zuerst jedoch musste das Team die Bioverfügbarkeit und die Wirksamkeit des Fragments testen und zahlreiche andere Aspekte, wie die Fähigkeit, FVIII mit hoher Affinität zu binden, evaluieren. Die nachfolgenden, an Tiermodellen durchgeführten Experimente bestätigten die Hypothese, und beim Weltkongress der World Federation of Hemophilia (WFH) 2018 in Glasgow präsentierte ein Team von Wissenschaftlern unter Leitung von Christoph Kannicht die hoffnungsvoll stimmenden Ergebnisse der präklinischen Studie zu SubQ-8 erstmals der Öffentlichkeit. Inzwischen wurde auch dem Antrag auf Testung eines neuen Arzneimittels am Menschen (Investigational New Drug – IND) erfolgreich stattgegeben und so können die Forscher jetzt die klinische Phase der Entwicklung von SubQ-8 planen.

Teamgeist führt zum Erfolg

Christoph Kannicht, Barbara Solecka-Witulska und Tobias Stuwe glaubten fest an die Idee. Nach drei Jahren zahlte sich ihre Hartnäckigkeit aus. ,,Es war zweifellos eine harte und schwierige Zeit für uns“, erinnert sich Barbara Solecka-Witulska.

Nun hoffen wir, dass die Daten aus unseren präklinischen Studien zu SubQ-8, unserem neuen subkutanen FVIII-Produkt, Hämophilie-A-Patienten eine angenehmere und bessere Behandlung ermöglichen werden.

,,Seit Beginn des Projekts habe ich mein Team immer wieder daran erinnert, wie wichtig es ist, sich in die Patienten hineinzuversetzen, bevor man mit der Arbeit an einer neuen Studie oder der Entwicklung eines neuen Projekts beginnt“, fügt Christoph Kannicht an. ,,Man muss nachvollziehen können, wie sich das tägliche Leben der Patienten darstellt, in welchem Umfeld sie leben, was ihnen fehlt und was sie brauchen. Mit diesem Wissen und dem herausragenden Engagement unseres Teams können wir dann zielgerichtet nach neuen Lösungen suchen, die hoffentlich ebenso erfolgreich sind wie unser SubQ-8-Projekt.“

Octapharma hat viel in dieses Projekt investiert und versucht, sich dem Ziel aus den verschiedensten Richtungen zu nähern. Dazu wurden auch zahlreiche Wissenschaftler in das Projekt eingebunden. ,,Was wir hier erreicht haben, ist äußerst ermutigend. Vieles davon verdanken wir unserer Überzeugung, dass wir Innovationen vorantreiben müssen, um unseren Patienten zu helfen. In erster Linie aber verdanken wir den Erfolg dem Mut und der herausragenden Teamarbeit unserer Mitarbeiter unterschiedlichster Herkunft aus vielen verschiedenen Bereichen der Wissenschaft und Technik“, sagt Tobias Stuwe.

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