Einer von zehn Patienten, die ins Krankenhaus kommen, benötigt eine Bluttransfusion

01.03.2016
Innovation und Wissenschaft

Tausende Menschen auf der ganzen Welt arbeiten mit Leidenschaft an innovativen Lösungen und widmen sich der Verbesserung der Sicherheit von Bluttransfusionen für Spender und Patienten.

Dr. Jeannie Callum, Leitering Transfusionmedizin und Gewebebanken, Sunnybrook Health Science Centre, Toronto, Kanada

Einer von zehn Patienten, die ins Krankenhaus kommen, benötigt eine Bluttransfusion. Unser Zentrum ist spezialisiert auf Bluttransfusionen bei Patienten in den Bereichen Trauma, Hämatologie und Onkologie, Herz- und Gefäßchirurgie sowie bei Neugeborenen. Es ist das größte Traumazentrum in Kanada. Wenn Traumapatienten mit massiven Blutungen zu uns kommen, werden komplexe Untersuchungen durchgeführt um herauszufinden, welche Blutgerinnungsfaktoren ihnen fehlen. Wenn man beispielsweise einem stark blutenden Patienten zu wenig Blut gibt, wird die Blutung nicht gestoppt. Gibt man ihm aber zu viel, kommt es zu einer Volumenüberlastung. Die häufigste Komplikation bei Transfusionen, die im schlimmsten Fall zum Tode führen kann, ist die transfusionsassoziierte Volumenüberlastung (TACO). Sie tritt am ehesten bei 60- bis 70-jährigen Patienten auf, die Herzprobleme oder chronische Anämie haben. TACO führt zu Herzinsuffizienz und kommt bei 1 – 3% der Transfusionen vor.

Wir zählen zu den ersten Krankenhäusern in Kanada, die den Einsatz von octaplex® vorangetrieben haben, einem Prothrombinkomplex-Konzentrat (PPSB), das die vier Gerinnungsfaktoren II, VII, IX und X enthält. Das Blut von Patienten unter Antikoagulation mit dem Präparat Warfarin ist gewissermaßen „vergiftet“, sodass diese Gerinnungsfaktoren vermindert sind. Das Ziel der Behandlung mit Warfarin ist, beim Patienten die Bildung von Blutgerinnseln zu verhindern. Wenn aber eine Blutung auftritt, braucht man ein Gegenmittel zu Warfarin. PPSB-Konzentrate werden verwendet, um im Fall einer Blutung die Wirkungen dieser oralen Antikoagulation aufzuheben.

Vor der Einführung von octaplex® haben wir gefrorenes Frischplasma (GFP) eingesetzt. Es hat sich gezeigt, dass PPSB-Konzentrate das Risiko für Transfusionsreaktionen verringern, insbesondere das Auftreten von TACO, und die Wirkung von Warfarin schneller aufheben. Alle unsere Ärzte wissen, dass wir PPSB-Konzentrate statt gefrorenem Frischplasma verwenden sollten. Trotzdem zeigte sich bei unserem letzten Audit im Jahr 2013 in der Provinz Ontario, dass 10% unserer Plasmaverwendung immer noch der Umkehrung der Warfarinwirkung galt, obwohl eine sicherere Alternative verfügbar ist. Mittlerweile haben wir einen Kontrollprozess eingeführt. Wenn eine Plasmabestellung eingeht, wird stets überprüft, ob es sich um eine korrekte Indikationsstellung für Plasma handelt oder um eine Warfarinumkehr. Sollte Letzteres der Fall sein, wird dem Arzt nahegelegt, die Bestellung auf PPSB-Konzentrate zu ändern.

Momentan untersuchen wir, ob die Verabreichung von Fibrinogenkonzentraten bei stark blutenden Patienten die Behandlungsergebnisse verbessert. Fibrinogen ist der sogenannte Gerinnungsfaktor I und spielt eine zentrale Rolle beim Stoppen einer Blutung – er unterstützt die Blutplättchen in ihrer Funktion und ist entscheidend für das Verschließen der Wunde. Im Falle eines Traumas besteht bei verringerten Fibrinogenwerten ein erhöhtes Sterberisiko. Wir versuchen herauszufinden, ob die Verwendung von Fibrinogenkonzentraten die Behandlungsergebnisse bei stark blutenden Trauma-Patienten verbessert. Wir untersuchen zudem, ob die Verwendung von Fibrinogenkonzentraten nach einer Herzoperation dafür sorgt, dass der Patient weniger Transfusionen von Erythrozytenkonzentraten benötigt. Anders als bei Kryopräzipitat ist Fibrinogenkonzentrat virusinaktiviert. Und weil es nicht eingefroren sondern lyophilisiert – also gefriergetrocknet – wurde, kann es schneller eingesetzt werden als Kryopräzipitat.

Ich persönlich glaube, dass „das Bessere der Feind des Guten“ ist. Man kann nie etwas verändern, wenn man sich in den kleinsten Details verliert. Man muss den Blick immer nach vorne richten. Die Patienten sollten Vertrauen haben, weil ein großes Team von Transfusionsmedizinern, Technikern, Ärzten und pharmazeutischen Partnern Tag für Tag sehr engagiert für sie arbeitet. Es besteht auf diesem Gebiet eine ausgezeichnete partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Zentren und Ländern. Tausende Menschen auf der ganzen Welt arbeiten mit Leidenschaft an innovativen Lösungen und widmen sich der Verbesserung der Sicherheit von Bluttransfusionen für Spender und Patienten.

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Intensivmedizin